Unsere Region im nördlichen Weserbergland hat eine fast 400 jährige Tradition der Glasherstel-
lung. Ihre kulturgeschichtliche Entwicklung und Bedeutung den Bürgern und Gästen unserer Region bewusst zu machen, ihnen die Vielfalt der kreativen Gestaltungmöglichkeiten mit Glas zu vermitteln und Begegnungen mit historischer und moderner Glaskunst zu ermöglichen, das ist das Ziel des im Jahr 2006 gegründeten Trägervereins für diese Aktivitäten. Wir laden Sie ein, sich hier über unsere Arbeit und aktuellen Projekte zu informieren.
Dr.Jürgen Borghardt: Erläuterungen zur Ausstellung 2009
Die Entwicklung der Glasmalerei - vom romanischen
Kirchenfenster zum eigenständigen freien Glasbild
Erläuterungen zur Ausstellung
"Auf der Suche nach dem Licht der
Welt" - Bilder in Glas und Licht
in der Sankt Nicolai Kirche |
Bad Münder-Bakede Sommer 2009
In den letzen Jahrzehnten des gerade zu Ende gegangenen Jahrhunderts erlebte die Glaskunst in kirchlichen, vor allem aber profanen Bereichen wieder einen deutlichen Aufschwung. Museen und Galerien interessieren sich zunehmend für die Glasmalerei, die lange Zeit als uneigenständig, weil architekturgebunden gesehen und damit für entbehrlich gehalten wurde und angesiedelt war zwischen Handwerk und Kunsthandwerk. Die Wiederentdeckung der ganz eigenen Qualitäten, die Glas als künstlerisches Medium bietet, bei dem die Bilder des farbigen Glases durch das Licht nicht nur verdeutlicht, sondern belebt, gleichsam zum Leben erweckt werden, wie auch die Entwicklung ungewöhnlicher neuartiger Techniken ließen das kleinformatige Glasbild als autonome Komposition aus dem Schatten der Gebrauchskunst heraustreten.
Die Fensterscheiben der Römer waren noch aus grünlich-weißem Glas. Die frühesten Erwähnungen von farbigem Glas finden sich in Literaturquellen aus dem 3./4. Jahrhundert bei Beschreibungen von Fenstern in Sakralbauten, von denen es aber insgesamt keine erhaltenen Zeugnisse mehr gibt. Erst aus den romanischen Kirchen kennen wir farbige Bilderfenster, die man seinerzeit in der sogen. musivischen Technik herstellte, d. h. die Gläser wurden eingefärbt und die Konturen durch Bleiruten gebildet. Die älteste Beschreibung dieser Art der Glasmalerei verfasste um 1100 der Paderborner Mönch Theophilus Presbyter in seinem Lehrbuch "schedula diversarum artium". In der Gotik erreichte die sakrale Glasmalerei dann einen Höhepunkt, nachdem durch neue architektonische Errungenschaften im Kirchenbau riesige Fensteröffnungen geschaffen werden konnten, die noch mehr Platz für biblische Bildgeschichten in der Verglasung boten.
Ab dem 16. Jahrhundert kam es im Zuge der Reformation, insbesondere im deutschsprachigen Raum, zu einem deutlichen Wandel der bis zu diesem Zeitpunkt motivisch fast ausschließlich kirchlich religiös ausgerichteten Glaskunst; christliche Bildmotive wurden jetzt zunehmend abgelehnt. Im Barock und vor allem dann während der nachfolgenden Phase des Klassizismus sollten die Kircheninnenräume hell und nicht durch bemalte Fenster gedämpft sein (Licht als Symbol Gottes. Christus als "Licht der Welt" (Johannes 8,12)).
In dieser Zeit erfreuten sich in der Profanarchitektur sogen. Kabinettscheiben großer Beliebtheit, die von namhaften Künstlern gestaltet wurden. Es waren kleinformatige, auf Nahsicht angelegte Glasmalereien für den privaten Raum, die durch technische Neuerungen anstelle der mosaikartigen Gliederung eine mehr bildhafte Komposition ermöglichten.
Hatte man Jahrhunderte lang in der traditionellen Art der Bleiverglasung gearbeitet, bei der verschiedenfarbige Glasscheiben nach Schablonen zugeschnitten und durch Bleiruten miteinander verbunden wurden und eine Bemalung allein mit Schwarzlot stattgefunden hatte, so wurde im weiteren Verlauf zunächst durch die Entwicklung von Silbergelb und dann von Schmelzfarben eine farbige Gestaltung durch Bemalung der Scheibe möglich. Auf das störende Bleirutennetz konnte damit weitgehend verzichtet werden, weil die Farben nunmehr unmittelbar nebeneinander gesetzt wurden.
Die Kabinettscheibe hatte keinen konkreten Bezug mehr zum Bau, sie war Schmuck, wurde verschenkt, z. B. als Wappenscheibe, stellte den Besitzer dar oder war thematisch an Motiven aus dem Bereich der Tafelmalerei ausgerichtet. Kabinettscheiben schmückten in erster Linie profane Gebäude wie Rathäuser, Zunft- und Bürgerstuben und wurden nur noch selten für Kirchen gestiftet.
Mit dem 18. Jahrhundert tritt die Glasmalerei dann mehr und mehr in den Hintergrund und wird erst Ende des 19. Jahrhunderts in der Zeit des Jugendstils wieder entdeckt. In dieser Zeit hatte sich die Fenstergestaltung endgültig aus dem sakralen Zusammenhang gelöst. Glaswände und Fenster dominierten jetzt Privatgebäude. Thematisch waren florale und ornamentale Formen, Frauengestalten, Früchte und Landschaften Mittelpunkt der Darstellungen.
Seit den 60er / 70er Jahren des 20. Jahrhunderts findet das autonome Glasbild wieder zunehmende Beachtung. Das Glasbild gilt jetzt als eigenständige Kunstform und nicht mehr als kunsthandwerkliche Arbeit. In diesem Kontext ist auch die vorliegende Ausstellung zu betrachten.
Im Sommer 1996 forderte die Glasmalerei Peters aus Paderborn Künstler aus der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Österreich, der Schweiz und aus vielen anderen Ländern auf, sich an einer Weihnachtsausstellung zum Thema "Auf der Suche nach dem Licht der Welt" zu beteiligen. Die einzige Vorgabe für die Glasbilder war deren Format von 45 x 45 cm, ansonsten sollte der Kreativität der Künstler keinerlei Grenzen gesetzt werden.
40 Künstler sagten seinerzeit zu. Eine erste Ausstellung fand im Dezember 1996 in Paderborn statt. Mittlerweile umfasst die Sammlung über 230 Exponate und ist bereits in Pamplona (Spanien), Highcliff, Salisbury und London (England), Strasbourg (Frankreich) und in Helsinki (Finnland) sowie im Glasmalerei Museum in Linnich, der Münchener Sezession und in Köln ausgestellt gewesen.
Durch die wunderbare Mehrdeutigkeit des Ausstellungstitels "Auf der Suche nach dem Licht der Welt" wird nicht nur die christliche Thematik der ursprünglich als Weihnachtsausstellung konzipierten Peter'schen Sammlung charakterisiert, sondern vor allem das Medium Glas mit seiner gleichsam transzendierenden Kraft, die die Bilder für das Auge nicht nur verdeutlicht, sondern belebt.
Schon immer besaßen die Gegensätze von Licht und Dunkelheit für den Menschen besondere Anziehungskraft. Fast alle Kulturen deuten das Licht als lebensspendendes Element, das mit dem Guten und Wahren identifiziert wird, wo hingegen die Dunkelheit in der Regel für die Macht des Bösen und des Todes steht. Kulte und Rituale unterschiedlichster Religionen bedienen sich dieses Sinnbildes, um ihre Offenbarungen und die jeweils damit verbundenen Heilsträger mit dem archetypischen Symbol des Lichtes - und damit der Wahrheit, des Guten und des Lebens- zu verbinden.
Auch die christliche Kirche griff schon in ihren Anfängen die Sonnensymbolik der Antike auf, um mit dem Weihnachtsfest zunächst eine Datierung und nachfolgend auch eine liturgische Begehung der Geburt Christi zu gestalten. Das ursprüngliche Fest des römischen Gottes "Sol invictus", der unbesiegten Sonne, fand zum Zeitpunkt der Wintersonnenwende statt. Von diesem Zeitpunkt an gewinnt die Sonne im Kreislauf der Jahreszeiten wieder erneut an Kraft, die Tage werden länger , die Nächte kürzer und die Finsternis weicht dem Licht.
Die Sammlung Peters ist eine außergewöhnliche Zusammenschau von Werken zeitgenössischer Glaskunst in einem seltenen und besonderen thematischen Zusammenklang und steht für ein bemerkenswertes Zusammenwirken vieler Künstler. Gemeinsam ist allen Bilder der Anspruch an die künstlerische Qualität und der hohe Standard der kunsthandwerklichen Ausführung. Die Vielfalt der Interpretation und Komplexität der Glasbilder verschafft ein seltenes Seherlebnis, wobei die Betrachtung jedes einzelnen Werkes genauso faszinierend ist wie die Gesamtschau der Bilder.
Die interpretatorische Bandbreite des vorgegebenen Themas ist beachtlich: Vom puren Farbenrausch zur kritisch-abstrahierenden Ästhetik, von einer religiösen Zentrierung bis hin zur Pop-Art reicht der Interpretationsbogen. Gleichwohl lassen sich Schwerpunkte beschreiben. Ein erster liegt im Bereich Licht: "Kerze", "Stern". Das Licht als Symbol Gottes, aber auch als Metapher der Nächstenliebe und Erwartung.
In einem zweiten Bereich konzentriert sich die Interpretation auf das weihnachtliche Geschehen selbst mit Darstellung von Verkündigung, Krippe, Huldigung durch Engel und Hirten und die Heiligen Drei Könige.
Ein dritter Bereich reduziert sich auf die Darstellung der christlichen Symbolik: "Rose", "Schiff" und "Weg". Christus selbst wird ja bildhaft als Rose gedeutet. Die Blüte der Rose symbolisiert die Auferstehung, die Dornen die Passion. Bekannt seit dem 2. Jahrhundert ist auch die Gleichsetzung von Schiff und Kirche, die sich von da an in vielen theologischen Schriften und zahllosen künstlerischen Darstellungen findet.
Ein vierter Bereich konzentriert sich auf die menschbezogenen, individuellen Themen wie "Liebe", "Angst" und "Ruhe" und Weihnachten auch als Fest emotionaler Kontraste.
In der Ausführung spannt sich der Bogen von der gegenständlichen Darstellung bis hin zur reinen Abstraktion.
Ich freue mich, dass es uns nach einer ersten, viel besuchten Ausstellung eines Teils der Sammlung Peters im Sommer 2008 nunmehr mit dem Verein Forum Glas gelungen ist, ab Dezember 2009 über die nächsten vier Jahre im jährlichen Wechsel die gesamte Sammlung in der St. Nicolai Kirche in Bakede präsentieren zu können.
Die religiös hinterlegte Bildthematik machte eine Ausstellung im kirchlichen Raum nicht zwingend, noch dazu wo die thematische Vorgabe teilweise sehr frei von den Künstlern interpretiert wurde. Aber vor dem Hintergrund der skizzierten historischen Entwicklung der Glasmalerei ergibt sich ein besonderes Spannungsfeld für die Ausstellung in dem klaren, schönen, klassizistischen Kirchenbau der Sankt Nicolai Kirche, deren Ursprünge bis in das 13. Jahrhundert zurückreichen.
Ich wünsche allen Gästen und Besuchern, auch im Namen des Vorstandes von Forum Glas e.V., viel Freude bei der Ausstellung.
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